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Bürgerinitiative
für "ein recht abstraktes Staatsziel"
SOZIALSTAATSVOLKSBEGEHREN Während die Gewerkschaft ihre
Mitglieder zur Urabstimmung ruft, beginnt auch die
Unterschriftensammlung für ein von Wissenschaftern
initiiertes Volksbegehren, das den Sozialstaatsbegriff in der
Bundesverfassung festschreiben will.
Conrad
Seidl
Wien - Eines will Renata Schmidtkunz gleich von
vornherein klarstellen: "Dass das nicht irgendwelche
rot-grüne Regierungsgegner sind", die sich in dem Büro
am Loquaiplatz 12 im sechsten Wiener Gemeindebezirk
zusammengefunden haben. Die Sprecherin des Volksbegehrens
"Sozialstaat Österreich" hat in den letzten Tagen 10.000
Briefe verschickt und mehrere Hundert Antworten bekommen: "Worauf
wir sehr stolz sind, ist der Umstand, dass da sehr viele
konservative und christlich bewegte Menschen dabei sind. Wir
werden unheimlich verknüpft und vernetzt sein."
Das Netzwerk, das sich da Anfang Oktober der Öffentlichkeit
vorstellen will, möchte die Österreicher dazu bewegen,
Druck für eine Verfassungsänderung zu machen:
Österreich soll sich als Sozialstaat bekennen.
"Auch wenn das ein recht abstraktes Staatsziel ist, kann man
doch die Politik daran messen", meint Emmerich Tálos,
einer der prominenten Initiatoren des Volksbegehrens im
Gespräch mit dem STANDARD. Dass aus der simplen
Verfassungsbestimmung noch kein einklagbarer Anspruch auf
umfassende soziale Versorgung ableitbar ist, ist ihm ebenso wie
den anderen Proponenten (darunter die Ärzte Werner Vogt und
Ernst Berger und der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister)
klar. Und doch lohne es, für das Ziel zu streiten: "Es geht
im Kern um die Verpflichtung des Staates."
Rechtlich ohne Wert Der Verfassungsrechtsprofessor
Bernhard Raschauer ist da eher skeptisch: "Ich mag den Emmerich
Tálos, und daher will ich das nicht heruntermachen - es
ist ja auch ein Anliegen, das eine gewisse Berechtigung hat. Nur
ist das rechtlich ohne irgendeinen Wert, die vorgeschlagene
Formulierung würde keinen Juristen irgendwie bewegen."
Raschauer erinnert daran, dass der Gesetzgeber Zielbestimmungen
nur selten (etwa im Fall der Umfassenden Landesverteidigung)
direkt ins Bundesverfassungsgesetz (BVG) geschrieben hat, sondern
eher als Verfassungsbestimmung einer einfachgesetzlichen Regelung
vorangestellt hat - "aber immer hat man näher
ausgeführt, was man damit meint, sei es im Verbotsgesetz
oder im Minderheitenschutz, bei der Gleichbehandlung oder beim
Umweltschutz."
Für Tálos ist aber gerade die Debatte darüber,
was mit dem Sozialstaat gemeint ist, ein wesentlicher Teil der
Kampagne. Selbst wenn Raschauer Recht hätte, "dass das nie
so eins zu eins beschlossen wird", würde die Diskussion um
die Schutzwürdigkeit sozialer Einrichtungen das
österreichische Bewusstsein verändern. Es gäbe
zwei Stränge der Aktion: Durch eine Verfassungsänderung
den Staat in die Pflicht zu nehmen - und andererseits eine
Diskussion darüber zu führen, dass der Sozialstaat
für die Mehrheit der Bevölkerung lebenswichtig sei; was
bisher keine Partei so ausdrücklich gesagt habe, meint der
Politikwisschafter Tálos.
Tálos: "Ich denke, dass in diesem Zusammenhang
Gespräche auf allen möglichen Ebenen geführt
werden - Regierungsvertreter sind keineswegs von dieser
Diskussion ausgeschlossen." Ob das auch für die FPÖ
gelte, die sich bisher immer wieder als Partei des kleinen Mannes
bezeichnet hat, andererseits aber für die jüngsten
Verschärfungen in der Sozialgesetzgebung verantwortlich
zeichnet? "Ich kenne noch keine Reaktion der FPÖ, das wird
sich dann noch zeigen", sagt Tálos, der auf eine
"Diskussion in ganzer Breite, wie sich der Sozialstaat
Österreich weiterentwickelt", hofft.
Eine solche Diskussion will derzeit auch der ÖGB
führen - seine Urabstimmung findet vom 24. September bis 15.
Oktober statt, genau zu jener Zeit, zu der das Volksbegehren
präsentiert wird. In der ÖGB-Zentrale werden die
Anliegen der Volksbegehrer daher mit gemischten Gefühlen
gesehen: "Wenn in der Verfassung steht, dass Österreich ein
Sozialstaat ist, würde das nichts daran ändern, dass
der Hauptverband schlecht organisiert ist", sagt der
Christgewerkschafter Karl Klein, der darauf verweist, dass die
Frage, welche Aufgabe der Sozialstaat unter veränderten
Verhältnissen hat, "in den Anträgen und Diskussionen
der ÖGB-Bundeskongresse nachzulesen ist."
Tálos meint, dass es für eine Sozialstaatsdiskussion
keiner Regie bedürfe, das Thema werde national und
international aufgegriffen und werde etwa durch das in der
nächsten Woche erwartete "Sozialwort" der Kirche
aktualisiert.
© DER STANDARD, 5. September 2001
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