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Kampf der Symbole
Das Match "Sozialstaat gegen Nulldefizit"
könnte zu wichtigen Klarstellungen führen
Michael Fleischhacker
Mit der Aufnahme der Formulierung "Österreich ist ein
Sozialstaat" in die österreichische Verfassung, darüber
sind sich wohl auch die Initiatoren des Volksbegehrens
"Sozialstaat Österreich" im Klaren, wäre niemandem
geholfen.
Denn schon jetzt legt natürlich jeder Politiker, gleich
welcher Couleur, extremen Wert darauf, dass Österreich ein
Sozialstaat ist und bleibt. Und über das Wie wird heute
genauso gestritten, wie das nach einer Verfassungsänderung
der Fall wäre: Was die einen als "Sozialabbau"
geißeln, rühmen die anderen als langfristige Sicherung
jener sozialen Sicherheit, die nunmehr per Verfassungsbestimmung
gefordert ist. Die Delegation einer solchen politischen
Auseinandersetzung an den Verfassungsgerichtshof wird die Sache
des Sozialstaates eher nicht substanziell weiterbringen.
Es geht den Initiatoren des Volksbegehrens also darum, die
Errungenschaften des österreichischen Sozialsystems
möglichst vollständig zu erhalten und sogar auszubauen.
Mit ihrer zentralen Forderung, den "Sozialstaat" als Staatsziel
in die Verfassung aufzunehmen, haben sie sich zugleich
entschlossen, den Kampf für ihr Anliegen auf symbolischer
Ebene zu führen.
Wie riskant das ist, zeigt die jüngere Geschichte der
globalisierungskritischen Bewegungen: Ihre konkreten inhaltlichen
Anliegen und Konzepte sind - unabhängig davon, wie man sie
bewerten möchte - über weite Strecken Opfer der eigenen
Symbolstrategie geworden. Wer auf Symbolpolitik setzt, tut das,
weil er sich der Aufmerksamkeit der zeitgenössischen
Bildmedien versichern will. Und er tut es mit dem Risiko, die
Geister, die er ruft, nicht mehr los zu werden.
In Österreich kommt erschwerend hinzu, dass das Feld der
Symbolpolitik geradezu industriell von den Regierungsbauern
bestellt wird. Wer sich auf das Symbol "Sozialstaat"
einschwört, tritt direkt in Konkurrenz mit dem Symbol
"Nulldefizit", das der fesche Finanzminister vor sich
herträgt. Das eiserne Sparen für das Nulldefizit, sagt
dieser Finanzminister, ist überhaupt erst notwendig geworden
durch diesen "Sozialstaat", der "überbordet", "ausufert",
"Wildwuchs" hervorgebracht und "Sozialschmarotzer" ermuntert hat
und nun, endlich, zurückgestutzt werden muss, damit es
unsere Kinder einmal besser haben.
Der Kampf der Symbole endet erfahrungsgemäß in einer
Propagandaschlacht, diesfalls vermutlich zwischen "neoliberalen
Sozialabbauern" und "linken Sozialromantikern". Damit kämen
aber jene wichtigen Fragen zu kurz, die sich hinter der
plakativen Forderung des Volksbegehrens verbergen: In welcher
Gesellschaft wollen wir leben? Welche Verantwortung liegt beim
Staat, welche beim Einzelnen?
Sie stellen sich besonders scharf in der Debatte um das
Gesundheitssystem, eines der zentralen Anliegen der
Sozialstaat-Volksbegehrer. Ist es so, wie der Arzt Werner Vogt,
einer der Proponenten, meint, dass "die wichtigen und
lebensverkürzenden Erkrankungen gesellschaftlich verursacht"
werden und "eine Individualisierung von Krankheit
unzulässig" ist? Oder hat der Einzelne eine Verantwortung
sich selbst gegenüber, die zu einer Beteiligung an den
Kosten der Gesundheitsversorgung führt?
Das Volksbegehren ist einer der zahlreicher werdenden Versuche,
dort politisch aktiv zu werden, wo man sich von den politischen
Formationen nicht (mehr) vertreten fühlt. Seine Forderungen
richten sich vermutlich eher an jene, mit denen man "ein
Stück des Weges" gegangen ist, als an die Regierenden, von
denen man ohnehin nichts - wenigstens nichts Gutes -
erwartet.
Ein Ziel dieses Prozesses könnten also Klarstellungen sein.
Die Sozialdemokratie wird gefragt werden, ob es für die von
ihr aufgezogene Eier legende Ideologiewollmilchsau noch einen
wasserdichten Stall namens Staat gibt.
Bei der Gelegenheit könnte vielleicht die ÖVP darlegen,
was denn nun "Weniger Staat, mehr privat" wirklich heißt.
Und der ideologische Voodoo-Zauber der FPÖ schreit erst
recht nach Aufklärung.
© DER STANDARD, 5. September 2001
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