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Volksbegehrlichkeit
PETER VUJICA
Demokratie, was ist das?
Ich weiß es. Und ich schreibe es auch gleich hin:
Demokratie ist die Hölle.
Sie können es mir glauben. Ich behaupte, dass Sie in mir
wahrscheinlich Österreichs einzigen lebendigen Demokraten
vor sich haben.
Meine einstigen Mitarbeiter werden es Ihnen gerne
bestätigen. In allen Bereichen, in denen ich als - Leiter
kann man nicht sagen, schon eher - Watschenmann tätig war,
praktizierte ich Demokratie.
Das Ergebnis war ein quälendes Mittelding aus Kindergarten
und Irrenhaus. Wenn es etwas zu entscheiden galt, brüllten
alle durcheinander. So lange, bis es mir zu bunt wurde und ich
noch lauter brüllte - allerdings mit dem Ergebnis, dass dann
erst recht das geschah, was die anderen wollten.
Ich weiß nicht, ob das, was dabei herauskam, mein Verdienst
war. Nicht ohne Genugtuung darf ich sagen, dass es sich (fast)
allemal doch einigermaßen sehen lassen konnte. Weil, im
Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung, viele Köche den
Brei nicht unbedingt verderben müssen.
Deswegen wäre ich grundsätzlich auch zuversichtlich,
dass bei einem allfälligen Volksbegehren, ob Österreich
ein Sozialstaat bleiben bzw. wieder werden soll, schon ein recht
ansehnliches Ergebnis herauskommen könnte. Nicht zuletzt,
weil wir, frisch volksgezählt, ja so viele sind, wie wir in
der Zweiten Republik noch nie waren.
Als Demokrat muss ich allerdings ziemlich einschränkend
hinzufügen, noch nie seit Bestehen der zweiten Republik
haben so viele Österreicher so wenig zu reden gehabt.
Jetzt meine ich natürlich nicht den armen Teufel, der durch
Verlust seines Arbeitsplatzes die ohnedies nach unten frisierte
Arbeitslosenziffer steigert. Ich weiß doch, was sich unter
modernen Österreichern gehört.
Der Herr Wirtschaftsminister ist das leuchtende Vorbild des neuen
österreichischen Erfolgsmenschen: Also sagt man dem frisch
gebackenen Arbeitslosen, die 173.000 Seinesgleichen, die es in
Österreich gibt, sind im gesamteuropäischen Vergleich
geradezu als Elite zu bezeichnen. Und im Übrigen seien nicht
er und die übrigen Österreicher - die
Regierungspolitiker ausgenommen - wichtig, sondern das
Nulldefizit.
Wer etwas auf sich hält, hat den Alpbacher Kohl von den
für die Politik wichtigen Visionen ja noch im Ohr.
Was ist schon ein kleines Menschenschicksal im Vergleich zu einer
großen Vision? Visionen sind nichts für Menschen. Sie
sind das rhetorische Exil aller Politiker, die mit der Gegenwart
nicht zurechtkommen.
Und daher hat das Volk im menschenleeren Reich der Visionen auch
einen Schmarren zu begehren. Kein Mensch, der eine
Politikervision stören könnte. Wie wir wissen,
verhält es sich im umgekehrten Fall ganz anders: Kaum eine
Politikervision, die Menschen nicht (zer)störte.
So können wir ja ruhig volksbegehren. Doch dass
möglicherweise schon sehr bald so viele Laster durch das
Inntal rasen können, wie viele das möchten, das
begehren die Visionäre.
Und sollte jemand gar das ganz und gar antivisionäre
Ansinnen äußern, dass sich das österreichische
Volk, etwas entschlossener, als dies seine Politiker, den Chef
der Grünen mit eingeschlossen, tun, gegen eine in
unmittelbarer Nähe in Stellung gebrachte atomare Zeitbombe
zur Wehr setzen sollte, dann ist er, wenn schon nicht ein Nazi,
so auf alle Fälle ein Krypto-FPÖler. Das nennt man das
Demokratieverständnis der Visionäre.
So gesehen schiene es mir zunächst einmal angebracht, danach
zu begehren, dass Österreich überhaupt ein Staat
bleibt. Ein selbstständiger, ein neutraler und ein
sozialer.
© DER STANDARD, 6. September 2001
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