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Politik am Scheideweg
In der Sicherheitspolitik wird sich bald weisen, ob die
Parteien zu einem Schulterschluß bereit sind.
VON ERNST SITTINGER
Es hätte ein heißer Herbst werden sollen:
ÖGB-Urabstimmung, Privilegiendebatte samt Sondersitzung des
Nationalrates, Budgeterstellung in schwierigem wirtschaftlichen
Umfeld, dazu handfeste Konflikte von der "Abfertigung neu"
über den Hauptverband bis zum
Sozialstaats-VOLKSBEGEHREN und zur
Strafprozeßreform. Bekanntlich ist es ganz anders gekommen.
Die Parlaments-Sondersitzung wurde ersatzlos gestrichen, die
Innenpolitik ist seit den verheerenden Terroranschlägen in
den USA weitgehend erstarrt. Die Politiker haben von diversen
"Fouls" am Gegner Abstand genommen. So hat SP-Chef Alfred
Gusenbauer eine schon fix geplante Israel-Reise - ein ideales
Instrument, um sich gegenüber der Regierung als der bessere
Außenpolitiker zu profilieren - vorerst abgesagt.
Allseitige Bekenntnisse, jetzt die Kräfte zu bündeln
und den Konsens zu suchen, beherrschen die Szene. Nach einer
Woche Stillstand kommt der politische Betrieb langsam wieder in
Schwung, und damit rückt auch die Stunde der Bewährung
näher: Bleibt es bei Lippenbekenntnissen, oder kommt es
wirklich zu einem dauernden Stilwechsel in der Innenpolitik?
Werden schon bald wieder kleinkarierte Eifersüchteleien die
Bühne beherrschen, oder entdecken Regierung und Opposition
neue Gemeinsamkeiten? Wieviel die Bekenntnisse wert sind, wird
sich rasch weisen. An der Spitze der Agenda steht plötzlich
die Sicherheitspolitik - ein Thema, das bisher schon deswegen
sträflich vernachlässigt wurde, weil für jede
substantielle Änderung die Zweidrittelmehrheit und damit die
Zustimmung der SPÖ notwendig ist. Schien diese Zustimmung
bisher undenkbar, so ist nun unter dem Druck der
Verhältnisse Bewegung erkennbar. SP-Chef Alfred Gusenbauer
gilt persönlich als Pragmatiker in der
Neutralitätsfrage, vor ihm tun sich aber große
Hürden auf:
Erstens würde ein offenes Abgehen von der Neutralität
vermutlich zu einer Zerreißprobe in der SPÖ
führen.
Zweitens ist die Verlockung groß
, eine populistische Linie zu fahren und die SPÖ als
"Bewahrer der Neutralität" zum Garanten einer freilich
trügerischen Sicherheit zu machen.
Drittens bringt ein
Einlenken taktische Nachteile für die SPÖ mit sich: Die
Regierung hätte einen Erfolg, die SPÖ verlöre
einen Trumpf für künftige Regierungsverhandlungen.
Solche Überlegungen verlieren allerdings an Gewicht, wenn
man die Dramatik der internationalen Lage in Rechnung stellt.
Wann, wenn nicht am Rande einer möglichen globalen
Kraftprobe, soll man aus den ideologischen Bunkern kommen und
neue gemeinsame Nenner erarbeiten? Viel wird gewiß vom
Geschick der Regierung abhängen. Sie muß sich ehrlich
darum bemühen, die Opposition mit ins Boot zu holen und
realistische Ziele zu formulieren. Auf unterschiedlich
ausgeprägte Sensibilitäten wird Rücksicht zu
nehmen sein, wenn es etwa um den Ausbau von polizeilichen
Ermittlungsmethoden und Geheimdienstaktivitäten geht. Das
muß keineswegs zum Nachteil der jeweiligen Regelung und
ihrer rechtsstaatlichen Qualität ausfallen.
Eines ist sicher nicht möglich: die SPÖ nur als
Mehrheitsbeschafferin zu umwerben, sie aber in jenen Belangen,
die man allein regeln kann, links liegen zu lassen. Die
Innenpolitik steht am Scheideweg: Gelingt wirklich ein
Schulterschluß zwischen Regierung und Opposition, ist die
eben noch sicher scheinende Zuspitzung "Schwarz-Blau gegen
Rot-Grün" für die nächste Wahlauseinandersetzung
womöglich aufgehoben, und die Neuauflage einer
SP-VP-Regierung erscheint plötzlich wieder als
Möglichkeit am Horizont. Scheitert hingegen der
Brückenschlag, dann werden die jetzt sistierten Konflikte
schon bald mit noch größerer Heftigkeit in die
politische Arena zurückkehren
© Die Presse, 19. September 2001
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