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Von Ungleichheiten und Reichtum
Morgen startet Volksbegehren "Sozialstaat Österreich":
Ein Einschub in der Bundesverfassung ist das Ziel...
Von Martyna Czarnowska
"Der Sozialstaat frisst den Staat nicht auf, sondern sichert
ihn." Mit diesen Worten wandte sich Werner Vogt gegen Argumente
zur Unfinanzierbarkeit des Sozialwesens in seiner jetzigen
Gestalt.
Gemeinsam mit anderen InitiatorInnen stellte er am Wochenende
das Volksbegehren für den Sozialstaat vor.
"Wir wollen klarstellen, dass der Sozialstaat uns gehört,
wir müssen ihn gestalten und vertreten." Seit Jahren
versucht Werner Vogt, dieser Überzeugung entsprechend
Ausdruck zu verleihen. Die Idee, den Sozialstaat in der
Verfassung zu verankern, stieß jedoch lange Zeit auf wenig
Gegenliebe bei politischen Parteien. Erst heuer hat sich eine
unabhängige Plattform gebildet, die das Volksbegehren
"Sozialstaat Österreich" organisiert. Morgen, Mittwoch, ist
dessen offizieller Start.
Die Liste der UnterstützerInnen ist mittlerweile
beachtlich: Sie umfasst zahlreiche soziale Einrichtungen,
kirchliche Organisationen und auch Grüne sowie
SPÖ-Klubs. Damit, dass auch die Regierungsparteien die
Initiative mittragen, rechnen die OrganisatorInnen kaum.
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hatte vor wenigen Wochen
zwar ein klares Bekenntnis zum Sozialstaat abgelegt. Dieser sei
"aber nicht über eine abstrakte Verfassungsbestimmung"
weiterzuentwickeln, stellte er fest.
Gegen die Schwächung
Dies sehen die InitiatorInnen erwartungsgemäß anders.
Ihrer Ansicht nach, gilt es die gegenwärtige Tendenz zur
Schwächung des Sozialstaats aufzuhalten. Dessen "vier
Hauptsäulen" - die Kranken- und Unfallversicherung, die
Altervorsorge, die Arbeitslosenversicherung sowie das
öffentliche Bildungswesen - dürften nicht angetastet
werden. "Der Beitrag des Sozialstaats zum gesellschaftlichen
Wohlstand ist unverzichtbar", argumentiert Politikwissenschafter
Emmerich Talos. Trotzdem gelte es, das bestehende System
umzubauen, da es selektiv sei. So sei es noch immer stark an voll
erwerbstätigen Männern ausgerichtet,
berücksichtige es etwa zu wenig atypische
Beschäftigungsverhältnisse. Nicht die Augen vor
Ungleichheiten zu verschließen, dafür plädierte
auch die Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger. Die
Überzeugung, alle Menschen sind gleich, sei zwar in
vielerlei Hinsicht begrüßenswert. Doch die Etikette
"neo-liberal" blende aus, dass die Ungleichheit steigt - nicht
nur zwischen Staaten sondern auch innerhalb eines Landes. Und die
sozioökonomisch Schwächeren seien nun mal auf die Hilfe
des Staates angewiesen.
Staatliche Verantwortung
Dass dieses System auf Dauer nicht finanzierbar sei, stellen die
InitiatorInnen in Abrede. Es könne nicht behauptet werden,
dass der Sozialstaat die Verschuldung bewirkt habe, meint
Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. Auch könne der
Staat nicht seine Verantwortung abgeben. Eine private
Altersvorsorge mittels Pensionskassen etwa wäre weniger
effizient als das Umlageverfahren der staatlichen Pensionen;
Wegen ihrer Abhängigkeit von den Finanzmärkten
könnten die Pensionskassen leicht in Schwierigkeiten
geraten.
Auch das Argument von der Alterspyramide müsse relativiert
werden. Im Jahr 1999 kamen auf 1.000 Erwerbstätige 620
PensionistInnen. Prognosen, die für das Jahr 2030 ein
Verhältnis von eins zu eins voraussagten, seien mittlerweile
zurückgenommen. Auf 1.000 Erwerbstätige werden 720
PensionistInnen kommen.
Es stimme nicht, dass Berufstätige in dreißig Jahren
bei gleichem Gehalt mehr Beiträge zahlen müssten. Denn
es steigen ja auch die Gehälter, erläuterte Christine
Mayrhuber. Die Ökonomin sieht sehr wohl einen Spielraum zur
Finanzierung der Alters- oder Krankenvorsorge. Dafür sei
allerdings ein progressives und gerechtes Steuersystem notwendig.
So würden soziale Maßnahmen durch mehr direkte Steuern
finanzierbar. "Österreich ist ein reiches Land, und wir
werden immer reicher", stellte Mayrhuber klar. Dieser Reichtum
sollte gerecht verteilt werden; die Verantwortung - auch für
Schwächere - müsse die Solidargemeinschaft tragen. Denn
im Endeffekt profitieren von einem Sozialstaat alle Teile der
Bevölkerung.
Quelle: Wiener Zeitung
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