Sozialstaat Österreich - Volksbegehren  

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Werner Vogt - Kritischer Mediziner auch in der Pension

Die Frage, was Werner Vogt eigentlich beruflich macht, scheint sich gar nicht zu stellen: Man kennt ihn österreichweit als den jungen Unfallchirurgen, der sich nebenbei auch politisch engagiert. Äußerlich stimmt das Bild, Vogts Auftreten ist weiterhin jugendlich, und die paar grauen Haare stören nicht weiter. Dabei ist der Mann 63 und seit einer Herzoperation im Vorjahr in Pension.Das gibt dem zweifachen Großvater Zeit, sein politisches Engagement auszuleben. Er gehört dem engsten Kreis an, der über die Sommermonate das Sozialstaats-Volksbegehren vorbereitet hat - und er bereitet gemeinsam mit anderen Ärzten eine breite, von Sachargumenten und Beispielen aus der Praxis getragene Plattform für die sozialpolitische Diskussion vor.

Das ist sein Metier: Argumente finden, diskutieren, überzeugen. So hat er es schon gehalten, als er noch ein kleiner Dorfschullehrer war, in Bersbuch im Bregenzer Wald. Der Landesschulinspektor fand das gar nicht witzig. "Bei Ihnen geht es ja zu wie in einer Judenschule", sagte er zu Vogt. Was dessen Entschluss festigte, aus dem staatlichen Bildungsbetrieb auszusteigen und ein Medizinstudium in Wien aufzunehmen. In der Hochschülerschaft wirkte er am "Symposion 600", der 600-Jahr-Feier der Wiener Universität im Jahr 1965, mit.

Da war er schon verheiratet und darauf ausgerichtet, sich in jenem Bereich der Medizin zu betätigen, den der Sozialdemokrat Lorenz Böhler begründet hatte: 31 Jahre lang war Vogt Unfallchirurg. Unfallmedizin hat viel damit zu tun, wie sicher Menschen leben und arbeiten - und wie sicher und gut sie leben können, wenn ihnen einmal etwas zugestoßen ist.

Vogt hat diese Zusammenhänge nie aus den Augen verloren. Er hat darüber zu schreiben begonnen - zwei Bücher, eine wissenschaftliche Studie am IHS, wo er schon vor 30 Jahren über Gesundheitssicherung forschte, und unzählige Aufsätze. Und er hat die "Kritische Medizin" gegründet - eine Gruppe von Ärzten, die sich nicht damit abfinden wollten, wie es im Gesundheitswesen zugeht.

Dort hatten in den Siebzigerjahren einige ältere Herren das Sagen - Vogt legte sich mit einem der mächtigsten an, dem steirischen Primar, Ärztekammerpräsidenten und ÖVP-Politiker Richard Piaty.Allgemein bekannt wurde er allerdings durch eine andere Auseinandersetzung mit einem anderen mächtigen Mediziner: Er forderte 1979 bei einem Symposion, der hochdekorierte Psychiater Heinrich Gross möge doch nicht über Tötungsdelikte von geistig Kranken, sondern lieber über Tötungsdelikte an geistig Kranken sprechen - nämlich über jene am Spiegelgrund, für die Gross bis heute nicht verurteilt wurde. Aber auf Gross hört heute keiner mehr, auf Vogt schon.

Quelle: Der Standard