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Nur wenige hören auch zu
Das Vorbild stammt aus London. Mit einem Speakers-Corner will das Sozialstaats-Volksbegehren in Wien und den Ländern bekannt werden.
Wien im Februar. Der Himmel ist verhangen, der Atem wölkt vor dem Mund. Immer wieder wirft der eisige Wind Fetzen lärmender Musik gegen die Fassade des Stephansdoms. Noch ziehen die Kopfkreisel jugendlicher Straßentänzer die Aufmerksamkeit der Passanten ganz auf sich. Doch der bullige Redner, der 50 Meter entfernt am Stock-im-Eisen-Platz soeben die orange Rednertribüne mit der Aufschrift "Wir lassen uns nicht ins Eck stellen" erklommen hat, lässt sich nicht beirren. "Der Sozialstaat gehört dem Volk", donnert Werner Vogt ins Mikrofon. "Wir lassen ihn uns nicht wegnehmen. Auch nicht von einer dahergelaufenen Regierung! Wir erobern ihn uns zurück!"
Der Arzt und Altachtundsechziger Vogt ist einer der Initatoren des "Sozialstaatsvolksbegehrens", die hier am Stock-im Eisen-Platz allwöchentlich als Redner auftreten. Seine martialische Sprache verfehlt ihre Wirkung nicht. "Bravo!", klatschen zwei, drei Pensionisten. "Alles zu spät! Is eh alles für die Fisch'! I unterschreib net!", sagt ein anderer.
Was er meint, was zu spät sei? "Das mit der Osterweiterung, den Billigarbeitskräften, net wahr?"
"Alles, alles Liebe", schüttelt eine Mittfünfzigerin der Mitinitiatorin und Journalistin Renata Schmidtkunz die Hand. Mittlerweile liest "die Dité", Burgschauspielerin Eva Dité, einen Text der Schriftstellerin Erika Mann aus dem Jahr 1934. Ein Jahr zuvor war Hitler Reichskanzler geworden. Exilliteratur also, mit anklagender Stimme rezitiert, "Texte, die heute so aktuell sind wie eh und je", sagt Schmidtkunz. Und: "Besser, wir leben in einem Land, in dem man mit den Armen und Kranken solidarisch ist, als in einer Gesellschaft, in der es sozial immer kälter wird."
Madeleine Petrovic von den Grünen ist bereits Stammgast am Eck. "Das Maß ist voll", sagt sie heute, und dass der "50-jährige Lausbub" aus Kärnten "endlich verschwinden" soll. Das Publikum interessiert anderes: "Se, Frau, Petrovic, san se für oder gegen Temelin? I will nämlich net, dass meine Enkerl als Glühwürmchen rumrennen", meint ein Pensionist mit Kapitänskappe.
Ein anderer Herr, getönte Brille, Goldketterl, will wissen, ob Petrovic bei der ÖVP war. "Stimmt des wirklich?" Inzwischen hat sich ein Obdachloser genähert. Ein alter Mann, der gebückt geht, den Schlafsack in der Hand. Petrovic beugt sich runter, der Alte flüstert ihr was ins Ohr. Er weint. "Und was is jetzt mit de Benes-Dekrete?", röhrt der Kapitän. "Keine Tschechen in die EU!"
Uns geht es jetzt darum, größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen", sagt Vogt später. "Eine Million Österreicher müssen unterschreiben!" Schließlich steht der Sozialstaat am Spiel. "Und der gehört dem Volk und nicht irgendeiner dahergelaufenen Regierung."
Stefan Winkler
Quelle: Kleine Zeitung
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