Sozialstaat Österreich - Volksbegehren  

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Österreich ist kälter geworden

Ein Volksbegheren wie ein Hilferuf. Hunderte Prominente versuchen zu retten, was vom Sozialstaat noch zu retten ist.

Manfred Z. aus Wien-Favoriten war nie ein Spieler. Auch kein Säufer. Und seine Frau und Kinder hat er nie verprügelt. Im Gegenteil: Bis zu seinem 46. Lebensjahr war der Ingenieur ein hoch qualifizierter, fleißiger und verlässlicher Angestellter mit schönem Einkommen. Ehe er der Firma zu teuer wurde.

Die Kündigung folgte ein tiefer Fall in den existenziellen Abgrund. Das halbe Jahr mit Arbeitslosengeld verstrich so rasch, wie die dutzenden Absagen auf seine Bewerbungsschreiben in den Briefkasten flatterten. Die anschließenden Notstandshilfe reichte nicht, um den Lebensstandard auch nur ansatzweise zu halten. Jetzt begann Manfred Z. tatsächlich, immer öfter zur Flasche zu greifen. Die Ehe scheiterte, die Wohnung wurde Frau und Kindern zugesprochen.

Heute, mit 46, steht der Ingenieur auf der Straße.
Wolfgang Ö. wieder war sehr wohl ein Spieler. Er dachte nicht daran, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Und er dachte sich nichts, wenn er Frau und Töchter verprügelte. Sabine Ö. zog die Notbremse.

Um zumindest die Zukunft ihrer beiden Töchter zu retten, verließ die 31-Jährige ihren Mann. Übernahm sogar freiwillig dessen Schulden. Um heute als allein erziehende Mutter mit ihren Kindern in einer feuchten, winzigkleinen Mietwohnung mit Klo auf dem Gang leben zu müssen. Das Gehalt als Verkäuferin reicht nicht einmal, um den zwei Mädchen bescheidenste Wünsche zu erfüllen - etwa einmal in das Dianabad gehen können.

Von solch einem "Luxus" kann auch die 72-Jährige Dorothea S. nur träumen. Ihr Leben lang war sie fleißig. Hat drei Kinder großgezogen und auch noch ein paar Jahre in einem Beisl gearbeitet, ehe sie in Pension ging. Da sie aber nie geheiratet, sondern in "wilder Ehe" gelebt hat, bekommt sie heute nur eine mickrige Pension.

Von den drei Kindern hört sie heute bestensfalls zu Wiehnachten oder an den Geburtstagen. Verlierer. Manfred Z., Sabine Ö. und Dorothea S. - Verlierer unserer Wohlstandsgesellschaft. Wie viele andere auch - zu viele: Rund 4 Prozent führen ein unfreiwilliges Bettlerdasein. Weiteren elf Prozent droht ein ähnliches Schicksal. Die Arbeitslosenrate hat einen traurigen Rekord von knapp 300.00 erreicht. Die Pensionisten wurden mit Rentenanpassungen unter der Inflationsrate abgespeist. In Krankenhäusern muss man plötzlich zahlen. Kurzum: Österreich ist sozial kälter geworden. Darauf will das Volksbegehren Anfang aufmerksam machen. Es ist ein Hilferuf - nach mehr Sicherheit und Wärme.

Martina Stehrer

Quelle: VOR Magazin


20.02.02