Sozialstaat Österreich - Volksbegehren  

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Kothgasser stimmt Inhalten des Sozialstaatsvolksbegehrens zu - Keine Kopie von Altbischof Stecher

Bischof: Frauen stehen oft alleine da

Die Probleme der Tiroler, seine Sicht der Integrationspolitik, und sein Verhältnis zu den Gläubigen spricht Bischof Alois Kothgasser im TT-Interview an.


TT: Herr Bischof, Sie haben viel Kontakt mit den Tiroler Gläubigen. Welche Sorgen nehmen Sie wahr?

Kothgasser: Es gibt eine Grundbefindlichkeit, die eine gewisse Sicherheit darstellt. Ich stelle immer wieder fest, das vor Ort das soziale Netz sehr gut ist. Großteils funktioniert die Nachbarschaftshilfe, aber auch die Betreuung von alten, behinderten, kranken und alleinstehenden Menschen.

TT: Wo orten Sie größere Probleme?

Kothgasser: Wenn Ehen oder Familien auseinanderbrechen, stehen Frauen oft allein da. Sie wissen meist nicht, wie es weiter gehen soll und kennen auch die Institutionen nicht, die ihnen helfen. Da passiert es leider öfter, dass die soziale Absicherung in Gefahr ist.

Klima wurde kälter

TT: Heißt das mit anderen Worten, dass Sie den Eindruck haben, das soziale Klima wurde kälter?

Kothgasser: Die Regierung kalkuliert beinhart, was das Thema Geld anlangt. Wahrscheinlich geht das auch nicht anders. Allerdings sind Sparmaßnahmen und Kürzungen ein Dauerthema in der Öffentlichkeit. Und so stellen sich immer häufiger viele die Frage, treffen diese Sparmaßnahmen nicht auch mich?

TT: Dann müssten Sie eigentlich die Forderungen des Sozialstaatsvolksbegehrens, das am 3. April startet, teilen. Werden Sie unterschreiben?

Kothgasser: Die Anliegen des Volksbegehrens teile ich inhaltlich voll. Ob ich unterschreibe, weiß ich noch nicht. Mich stört, dass es von bestimmten Parteien vereinnahmt wurde und so seine Überparteilichkeit verloren hat. Die Objektivität des Begehrens ist für mich nicht mehr gegeben.

TT: Trotzdem glauben Sie, dass die Inhalte richtig sind. Wie viele Unterschriften erwarten Sie?

Kritik an Caritas?

Kothgasser: Ich kann mir gut vorstellen, dass sich trotz der nicht so großen medialen Unterstützung viele Bürger mit den Anliegen identifizieren. Bis zu einer Million Unterschriften würde mich nicht überraschen.

TT: Stichwort Integration. Sie haben als verantwortlicher Bischof der Caritas sehr scharf auf die Aussage von VP-Klubobmann Andreas Khol reagiert. Er hatte gemeint "die Kritik der Caritas und der Diakonie ist nichts wert."

Kothgasser: Es ist mir ziemlich unerklärlich, warum Khol so heftig auf die Caritas-Kritik reagierte. Der Caritas geht es nicht darum, eine Regierungspartei bei ihrer Arbeit zu behindern, sondern präsent zu halten, was aus Sicht der christlichen Soziallehre wichtig ist.

TT: Khol dürfte aber auch das Problem haben, dass sein Koalitionspartner FPÖ in Sachen Integration einen ganz scharfen Kurs fährt.

Kothgasser: Es geht darum, die Frage der Integration voranzutreiben. Ein Teil der Regierung sieht dieses Thema offenbar ganz anders, als wir. Ich möchte aber betonen, dass die Caritas enorme Arbeit leistet im Dienst derer, welche die Schwächeren sind. Aus vielen Reaktionen weiß ich, dass der scharfe Ton von Khol christlich soziales Wählerpotenzial vergrämte. Vor einigen Jahren wäre eine solch heftige Reaktion nicht vorstellbar gewesen.

Weltoffene Tiroler

TT: Herr Bischof, Sie sind seit 1997 der Oberhirte der Tiroler Gläubigen. Wie geht es Ihnen mit den Tirolern?

Kothgasser: Ich hatte schon immer gewisse Sympathien für Tirol. Aus einigen Osttirol-Urlauben und Aufenthalten in der Bibliothek der Jesuiten in Innsbruck kannte ich Land und Leute. Ich bin offen auf die Menschen zugegangen und war von der Offenheit der Menschen mir gegenüber positiv überrascht.

Stecher ist Stecher

TT: Ihr Vorgänger Reinhold Stecher ist bis heute sehr populär. Stört Sie der lange Schatten des Altbischofs manchmal?

Kothgasser: Ich hatte nie die Sorge, von den Leuten nicht angenommen zu werden. Aber mir war auch klar, Stecher ist Stecher. Er hat viele Fähigkeiten, die ich nicht habe. Ich wollte daher nie eine Stecher-Kopie sein. Ich möchte aber unterstreichen, dass wir eine offene und freundschaftliche Beziehung haben. Bischof Stecher hat sich niemals eingemischt und sich sofort nach der Amtsübergabe zurückgezogen. Ab und zu hole ich seine Meinung ein. Aber auch die vielen Mitarbeiter in den Gremien erleichtern mir den Umgang mit den Tirolern.

Bin ein Perfektionist

TT: Sie empfinden den Tiroler also nicht als stur und wenig weltoffen?

Kothgasser: Nein. Es gibt aber klar erkennbare regionale Unterschiede, jedes Tal ist anders., hat seinen eigenen Dialekt. Während der Unterländer das Herz auf der Zunge trägt, ist der Oberländer eher zurückhaltend. Er braucht länger bis er auftaut. Anders als Stecher beherrsche ich den Tiroler Dialekt nicht so gut, das Steirische kommt immer wieder durch. Ich habe aber nie den Eindruck, dass es mir die Leute krumm nehmen, dass ich nicht tirolerisch rede.

TT: Herr Bischof, wie würden Sie sich selbst charakterisieren?

Kothgasser: Das ist immer schwer, aber ich will es versuchen. Ich bin ein eher genauer Mensch, viele würden mich vielleicht einen Perfektionisten nennen. Andererseits bin ich etwas zögernd und zurückhaltend, ehe ich eine Entscheidung fälle.



Quelle: Tiroler Tageszeitung


30.03.02